
HAUS N°9 S
Die Ordnung des Gartens - Ein Siedlungshaus im Übergang
ORT: MÜNSTER, DEUTSCHLAND
JAHR: 2022
TYPOLOGIE: WOHNEN
STATUS: FERTIGGESTELLT
BAUHERR: PRIVAT
FOTOS UND GRAFIKEN: ROMAN MENSING / JÖRGEN DREHER

Die Ordnung des Gartens - Ein Siedlungshaus im Übergang
HAUS N°9S in Münster ist die Erweiterung und Revitalisierung eines Siedlungshauses aus den 1930er Jahren. Der 2022 fertiggestellte Umbau versteht den Bestand nicht als bloße bauliche Ressource, sondern als Träger einer räumlichen und kulturellen Kontinuität. Die architektonische Haltung ist von Respekt und Behutsamkeit geprägt: Das Vorgefundene wird nicht überformt, sondern gelesen, präzisiert und in die Gegenwart fortgeschrieben.
Ausgangspunkt des Entwurfs ist die Wiederannäherung an den ursprünglichen Charakter des Hauses. Im Zuge der Sanierung wurden abhandengekommene Details und Bauteile in ihrer ursprünglichen Logik neu hergestellt; dazu gehören auch die tiefgrünen Holzklappläden, die dem Haus seine selbstverständliche Präsenz im Siedlungskontext zurückgeben. Der Eingriff zielt damit nicht auf Rekonstruktion im nostalgischen Sinn, sondern auf die Stärkung jener Identität, die im Laufe der Zeit überlagert oder abgeschwächt worden war.
Zugleich wird die Geschichte des Hauses als ehemaliges Selbstversorgerhaus zum wesentlichen Entwurfsmotiv. Nutzgarten und Nutztierhaltung prägten ursprünglich die Beziehung zwischen Gebäude und Grundstück; der Garten war nicht Beiwerk, sondern elementarer Teil des Wohnens. Diese enge Verknüpfung von Haus und Landschaft wird in der Erweiterung neu interpretiert und räumlich intensiviert. Der Garten erhält, auch in seiner Großzügigkeit, eine zentrale Bedeutung. Große Öffnungen stellen einen unmittelbaren Bezug zur Natur her und erweitern den Wohnraum atmosphärisch nach außen. Das Innere ist so gedacht, dass das Wohnen den Charakter eines Aufenthalts im Garten annimmt.
Die architektonische Sprache konzentriert sich auf zwei prägende Materialien: heimisches Konstruktionsvollholz und Sichtbeton-Fertigteile. Ihre Fügung bestimmt Konstruktion, Ausdruck und Atmosphäre des Hauses. Das Holz verleiht den Räumen Wärme, Nähe und eine stille Selbstverständlichkeit; der Beton formuliert einen ruhigen, präzisen Gegenpol und gibt dem Haus Klarheit und Dauerhaftigkeit. In dieser Beschränkung auf wenige Mittel liegt die Kraft des Projekts: Material wird nicht dekorativ eingesetzt, sondern als räumlich wirksame Substanz verstanden.
Auch die Lebensform der Bewohner ist in die räumliche Organisation eingeschrieben. Für die Musikerfamilie bildet der Raum für einen Pianoflügel ein zentrales Moment des Hauses. Musik, Alltag und gemeinsames Leben finden hier eine gemeinsame Mitte. So entsteht eine Wohnarchitektur, die nicht nur Funktionen ordnet, sondern Offenheit, Konzentration und Atmosphäre in ein sorgfältig austariertes Verhältnis setzt.
Gleichzeitig ist das Haus so konzipiert, dass es auf veränderte Lebenssituationen reagieren kann. Mit wenigen Eingriffen lassen sich künftig zwei eigenständige Wohneinheiten ausbilden. Diese Möglichkeit ist nicht als nachträgliche technische Option gedacht, sondern als integraler Bestandteil des Entwurfs. Sie verleiht dem Haus eine langfristige Anpassungsfähigkeit und eröffnet unterschiedliche Formen des Zusammenlebens über verschiedene Lebensphasen hinweg. Eine der Einheiten ist dabei so angelegt, dass sie ein barrierefreies Wohnen im Alter ermöglicht. Auf diese Weise verbindet das Projekt räumliche Großzügigkeit und Offenheit mit einer vorausschauenden, nachhaltigen Vorstellung von Wohnen.
HAUS N°9S zeigt, wie sich ein historisches Siedlungshaus durch behutsame Sanierung und präzise Erweiterung in eine zeitgenössische Wohnform überführen lässt, ohne seine Herkunft preiszugeben. Das Projekt entwickelt seine Qualität nicht aus dem Kontrast von Alt und Neu, sondern aus deren stiller Verbindung: in der Rückgewinnung verlorener Elemente, in der Öffnung zum Garten und in der klaren Materialfügung. So wird das Haus nicht neu erfunden, sondern in seinem eigenen Wesen weitergeschrieben.

























