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Inhalt

Über das Lesen des Vorgefundenen 10

Gespräch

Weiterbauen als Haltung 14

Essay

Ort der Praxis 18

im Gasthof zum Bahnhof in Telgte

I Weiterbauen 25

Haus N°9 S 26
Haus N°4 E 32
Haus N°10 D 38
Gasthof zum Bahnhof 46

Haus N°12 EH 58

Haus N°7 KB 66

Haus N°2 K 72

II Typologie und Raum 79

Haus N°8 D 80
Haus N°11 P 88
Haus N°13 D 94
Wohnhaus im Wigbold Wolbeck 102

Haus N°6 B 110

Mikrohaus am Arendsee 116

Haus N°5 120
Studio R 126

III Orte des Gemeinsamen 131

Gasthof an der Vitusstraße 132

Sportcampus TSV Handorf 140

Neues Zentrum Friedhof Handorf 150

IV Im Werden 155

Wohnanlage und Innenhof 156

Wersewerk 162
Wohnen in der Overbergstraße 168

Haus N°15 174

V Weiterdenken 181

Schwimmhaus F 182
Wohnhaus G 188
Wohnhaus J 192
Preußenstadion an der Hammer Straße 198

Anhang 205

Werkdaten 206

Bildnachweise 212

Biografische Notiz 213

Zeitleiste 213

Dank 214

Impressum 215

Die in dieser Monografie versammelten Arbeiten werden nicht als abgeschlossene Einzelprojekte verstanden, sondern als Beiträge zu einer kontinuierlichen architektonischen Fragestellung. Im Zentrum steht eine Praxis, die Entwerfen nicht primär als formale Setzung begreift, sondern als präzise Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen. Bestand, Typologie, Konstruktion, Material und räumliche Disposition erscheinen dabei nicht als äußere Bedingungen, sondern als eigentliche Träger des Entwurfs. Diese Haltung prägt Umbauten und Revitalisierungen ebenso wie Neubauten, die ihre Ordnung aus Kontext, Maßstab und räumlicher Logik entwickeln.

Auffällig ist die Konsequenz, mit der in diesen Projekten an Beziehungen gearbeitet wird: zwischen Alt und Neu, Schutz und Öffnung, Konstruktion und Atmosphäre, Rauheit und Präzision. Material wird nicht dekorativ eingesetzt, sondern als konstruktive und räumliche Entscheidung verstanden. Ebenso wichtig sind jene Bereiche, in denen Architektur nicht als Objekt, sondern als Folge von Übergängen erfahrbar wird: Höfe, Entrées, Fugen, Terrassen und Zwischenräume strukturieren die Projekte oft stärker als repräsentative Einzelgesten. Die Zurückhaltung vieler Arbeiten ist daher nicht als Verzicht zu lesen, sondern als Form architektonischer Disziplin.

Das Gespräch zu Beginn des Bandes führt in die Begriffe und Fragestellungen ein, die diese Arbeiten verbinden. Das anschließende Essay liest das Werk als architektonische Position und entwickelt eine Perspektive auf seine wiederkehrenden Themen. Die Projekte selbst folgen darauf nicht als illustrative Beispiele, sondern als eigenständige Ausformulierungen einer Haltung, die im Weiterbauen, im Präzisieren und in der räumlichen Differenzierung ihren Ausgangspunkt nimmt.

Monografie 10 Jahre Jörgen Dreher Architektur

10 Jahre
Jörgen Dreher Architektur
Münster – Telgte 2016 – 2026

Über das Lesen des Vorgefundenen
Gespräch

Ein Gespräch über Ort, Bestand, Typologie, Material und die Frage, wie Architektur aus dem entwickelt werden kann, was bereits da ist.

1. Betrachtet man die Arbeiten im Zusammenhang, entsteht der Eindruck, dass sie weniger von einer autonomen Formidee ausgehen als von einer genauen Lektüre des Vorgefundenen. Was heißt es für Sie, einen Ort, einen Bestand oder eine Bauaufgabe architektonisch zu „lesen“?
Ich würde tatsächlich sagen, dass am Anfang selten eine Form steht. Mich interessiert zunächst, was bereits da ist — räumlich, konstruktiv, topografisch, atmosphärisch. Ein Ort hat eine innere Ordnung, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht eindeutig sichtbar ist. Diese Ordnung zu erkennen, ist für mich ein wesentlicher Teil des Entwurfs. „Lesen“ heißt dann nicht, alles Vorgefundene zu bewahren, sondern zu verstehen, welche Strukturen tragfähig sind: Proportionen, Wege, Raumfolgen, Blickrichtungen, Materialien, manchmal auch Gebrauchsspuren. Architektur beginnt für mich dort, wo man aus diesen Bedingungen eine neue Präzision entwickelt, statt ihnen nur etwas aufzusetzen.  

2. Gibt es eine Frage, die sich durch Ihre Projekte hindurchzieht — nicht als Methode im engeren Sinn, sondern als Problem, das sich in unterschiedlichen Maßstäben und Programmen immer wieder neu stellt?
Ja, wahrscheinlich die Frage, wie man etwas verändern kann, ohne es zu verdrängen. Das betrifft den Bestand im engeren Sinn, aber ebenso Typologien, Orte oder eingespielte Formen des Wohnens und Arbeitens. Mich interessiert nicht die Neuerfindung um ihrer selbst willen, sondern die Frage, wie sich eine Situation fortschreiben lässt, sodass etwas Neues entsteht, ohne dass die vorherige Ordnung ausgelöscht wird. Das ist keine konservative Haltung, sondern eher der Versuch, Kontinuität und Veränderung gleichzeitig ernst zu nehmen. Respekt vor dem Vorhandenen zieht sich durch viele meiner Projekte. 

3. Der Begriff des Weiterbauens scheint für Ihre Arbeit zentral zu sein, auch dort, wo kein klassischer Bestand im Spiel ist. Was bedeutet Weiterbauen für Sie: Erhalt, Transformation, Präzisierung — oder eher eine grundsätzliche Haltung zum Entwerfen?
Weiterbauen ist für mich vor allem eine Haltung. Natürlich spielt der Begriff bei Umbauten und Revitalisierungen unmittelbar eine Rolle, wie beim Haus N°4 oder bei den Gasthöfen in Everswinkel und Telgte. Aber ich würde ihn nicht auf den Bestand beschränken. Auch ein Neubau ist immer ein Eingriff in etwas Vorhandenes — in eine Topografie, in einen städtebaulichen Zusammenhang, in eine Bautradition, in eine Typologie, zum Beispiel  beim Wohngebäude im Wigbold oder beim Haus N°8. Weiterbauen heißt für mich deshalb, Architektur nicht als autonome Setzung zu verstehen, sondern als Antwort innerhalb eines bereits bestehenden Gefüges. Diese Antwort kann sehr klar und entschieden sein, aber sie sollte aus dem Zusammenhang entwickelt sein und nicht nur gegen ihn arbeiten. Bei Haus N°10 ist das ausdrücklich benannt: Der Bestand wird nicht ersetzt, sondern fortgeschrieben; die Haltung liegt in Klarheit, Präzision und der bewussten Gegenüberstellung unterschiedlicher Materialien und Maßstäbe.  

4. Beim Arbeiten mit bestehender Substanz drohen oft zwei Vereinfachungen: die sentimentale Überhöhung des Vorgefundenen einerseits und die demonstrative Setzung des Neuen andererseits. Wie finden Sie zu einem Verhältnis von Alt und Neu, das weder nostalgisch noch illustrativ wirkt?
Indem ich versuche, beide Extreme zu vermeiden. Ich glaube nicht an eine Architektur des bloßen Kontrasts, bei der Alt und Neu nur deshalb wirksam sein sollen, weil sie möglichst scharf gegeneinander gestellt werden. Genauso wenig interessiert mich aber eine nostalgische Rekonstruktion, die das Vergangene ästhetisch beruhigt. Entscheidend ist für mich die Lesbarkeit. Das Vorhandene muss als Vorhandenes ernst genommen werden, und das Neue muss als neue Schicht erkennbar bleiben. Aber beide sollten in ein Verhältnis kommen, das nicht auf Effekt basiert, sondern auf Präzision. Im Idealfall entsteht daraus ein stilles Nebeneinander unterschiedlicher Zeiten, Materialien und Ordnungen. Beim Gasthof wird das sehr deutlich: Die neue Schicht ordnet sich dem historischen Gefüge unter, bleibt aber zeitgenössisch lesbar; das Haus führt seine Geschichte weiter, statt sie auszustellen.  

5. Viele Ihrer Projekte entwickeln ihre Ordnung aus typologischen und räumlichen Dispositionen, nicht aus einer vorrangigen Bildidee. Welche Rolle spielt Typologie in Ihrem Entwurfsprozess — als kulturelles Gedächtnis, als disziplinäres Werkzeug oder auch als produktiver Widerstand?
Vermutlich von allem etwas. Typologie ist für mich zunächst ein Mittel, Architektur nicht nur formal, sondern räumlich und kulturell zu denken. Sie enthält bereits Wissen — über Gebrauch, Maßstab, Beziehung von Innen und Außen, über Adressbildung oder über Formen des Zusammenlebens. Aber Typologie ist für mich nie etwas, das einfach übernommen wird. Sie wird erst interessant, wenn man sie unter den Bedingungen eines konkreten Ortes neu befragt. In Haus N°8D etwa war die Typologie des Wohn- und Atelierhauses ein Ausgangspunkt, aber nicht als fertige Form, sondern als räumliche Frage: Wie verhalten sich Offenheit und Rückzug, Sockel und Volumen, Wohnen und Arbeiten zueinander? Daraus entsteht dann keine Typenwiederholung, sondern eine neue räumliche Sequenz.  

6. Auffällig ist, dass Konstruktion und Material in Ihren Arbeiten nicht nachgeordnet erscheinen, sondern den architektonischen Ausdruck wesentlich mit hervorbringen. Wo beginnt für Sie die Bedeutung eines Materials: in seiner tektonischen Logik, seiner Oberfläche, seiner Alterungsfähigkeit oder in seiner kulturellen Lesbarkeit?
Ein Material ist für mich nie nur Oberfläche. Es interessiert mich zuerst als räumlich und konstruktiv wirksame Substanz. Wie wird etwas gefügt? Wie trägt es? Wie altert es? Welche Präzision verlangt es? Welche Ruhe oder welche Spannung bringt es in einen Raum? Gleichzeitig haben Materialien natürlich auch eine kulturelle Lesbarkeit. Ziegel wie im Wigbold, Holz wie beim Haus N°13, Beton wie beim Sportcampus, Metall oder Putz sind nicht neutral. Sie verweisen auf bestimmte Bautraditionen und auf bestimmte Formen von Dauer. Wichtig ist mir aber, dass Material nicht illustrativ eingesetzt wird. Es soll nicht etwas behaupten, sondern eine räumliche und tektonische Entscheidung tragen. In mehreren Projekten ist die Kraft gerade auf wenige Materialien konzentriert, die Konstruktion, Ausdruck und Atmosphäre zugleich bestimmen.  

7. In mehreren Projekten entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Rauheit und Präzision, zwischen robusten Oberflächen und sehr genauer Fügung. Was interessiert Sie an dieser Reibung?
Mich interessiert daran, dass Architektur dadurch körperlich und zugleich genau wird. Ich finde es wenig überzeugend, wenn alles auf Glätte und Perfektion hinausläuft. Aber ich glaube auch nicht an eine romantische Aufladung des Rohem oder Unfertigen. Die Spannung entsteht für mich dort, wo ein robustes, widerständiges Material auf eine präzise Fügung trifft. Dann schärft das eine das andere. Bei Haus N°10 war genau das wichtig: die feine Tektonik der schwarzen Aluminium-Glas-Fassade gegenüber der groben Kratzputzoberfläche des Erdgeschosses, dazu Sichtbeton, Stahlträger, rohe Oberflächen und zugleich sehr präzise Einbauten. Aus diesem Nebeneinander entsteht für mich eine räumliche Qualität, die weder steril noch beliebig ist.  

8. Die stärksten räumlichen Momente Ihrer Arbeiten scheinen oft nicht in den eindeutig benennbaren Haupträumen zu liegen, sondern in Schwellen, Höfen, Terrassen, Wintergärten oder anderen Zwischenbereichen. Warum sind diese Übergangszonen für Ihr Raumverständnis so wichtig?
Weil Architektur für mich selten in klar getrennten Zuständen interessant wird. Mich interessiert weniger der abgeschlossene Einzelraum als die Weise, in der Räume ineinander übergehen. Schwellen, Höfe, Terrassen, Einschnitte oder Wintergärten sind deshalb keine Nebenräume, sondern die eigentlichen Träger räumlicher Erfahrung. Dort wird spürbar, wie ein Haus sich öffnet oder wie zum Beispiel im Wigbold schützt, wie Licht geführt wird, wie Nähe und Distanz organisiert werden. In Haus N°8D ist das überdachte Entrée genau so ein Moment: Schutzraum und Schwelle zugleich. Auch die Dachterrasse ist dort nicht nur Freifläche, sondern räumliche Fuge und Übergang zwischen Wohnen und Atelier. Beim TSV ist es der räumliche Übergang nach außen. Solche Zwischenzonen geben einem Gebäude Tiefe.  

9. Mehrfach begegnet man einer Architektur, die nach außen eher zurückhaltend oder sogar geschlossen wirkt, sich im Inneren aber stark öffnet. Wie organisieren Sie dieses Verhältnis von Schutz und Öffnung, von Introversion und Landschaftsbezug?
Ich denke, dass Offenheit nicht automatisch Qualität erzeugt. Ein Gebäude muss zunächst eine eigene Ordnung und auch eine gewisse Konzentration entwickeln. Erst dann wird Öffnung präzise. Deshalb interessiert mich oft eine Architektur, die sich nicht überall gleichermaßen exponiert, sondern sehr genau entscheidet, wo sie sich öffnet und wo sie sich zurücknimmt, sehr ausgeprägt zu erkennen beim Haus N°13. In Haus N°8D ist die Gartenseite fast vollständig geöffnet, während die Nachbarseite bewusst geschlossen bleibt. Diese Dualität schafft Klarheit. In anderen Projekten übernimmt ein Hof oder Garten diese Rolle als innere Mitte. Introversion ist dann keine Verweigerung, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die Beziehung zur Landschaft oder zum Freiraum umso stärker und bewusster werden kann.  

10. Ihre Projekte wirken in ihrer Erscheinung zurückgenommen, zugleich aber sehr entschieden. Ist diese Zurückhaltung eine bewusste architektonische Position — vielleicht auch als Gegenentwurf zu einer stark bildorientierten Architekturproduktion?
Ja, das würde ich schon so sagen. Mich interessiert Architektur nicht primär als Bild. Natürlich hat jedes Gebäude eine Erscheinung, und natürlich ist Ausdruck wichtig. Aber ich glaube nicht, dass die Qualität eines Hauses in erster Linie an seiner ikonischen Kraft hängt. Mich interessieren eher Proportion, Raumfolge, Material, Konstruktion, Licht, die Selbstverständlichkeit einer Setzung. Eine ruhige Architektur ist für mich nicht weniger entschieden — im Gegenteil. Sie muss ihre Argumente aus der Sache selbst entwickeln und kann sich nicht auf den Effekt der Geste verlassen. In diesem Sinn ist Zurückhaltung durchaus eine bewusste Position.

11. Wenn man Ihre Arbeiten als Ausdruck einer Haltung lesen wollte: Worin bestünde für Sie heute die kulturelle Aufgabe von Architektur? Geht es um Dauer, um Angemessenheit, um Lesbarkeit, um räumliche Qualität — oder um ein anderes Verständnis von Gegenwart?
Wahrscheinlich um ein Zusammenspiel all dieser Dinge. Architektur hat für mich eine kulturelle Aufgabe, weil sie Dauer erzeugt und weil sie darüber entscheidet, wie wir Orte, Häuser und gemeinsames Leben räumlich organisieren. Mich interessiert dabei eine Gegenwart, die nicht mit Verdrängung beginnt. Architektur sollte zeigen, dass Veränderung möglich ist, ohne jede Spur auszulöschen. Sie sollte Orte lesbarer machen, nicht unkenntlich. Und sie sollte eine räumliche Qualität hervorbringen, die über den unmittelbaren Gebrauch hinaus Bestand hat. Angemessenheit heißt für mich deshalb nicht Zurückhaltung um ihrer selbst willen, sondern die Genauigkeit, mit der ein Gebäude auf seine Bedingungen antwortet.

12. Was wäre Ihnen wichtig, dass ein Text über Ihre Arbeit nicht tut? Und umgekehrt: Welche Frage sollte er unbedingt stellen, damit die Projekte nicht bloß beschrieben, sondern wirklich verstanden werden?
Er sollte die Projekte nicht auf Stil oder Stimmung reduzieren. Mich würde ein Text weniger interessieren, der behauptet, die Arbeiten seien „ruhig“, „präzise“ oder „materialbewusst“, ohne zu fragen, worin sich das eigentlich zeigt und welche architektonischen Entscheidungen dahinterstehen. Und er sollte auch nicht so tun, als ließe sich alles über ein paar wiedererkennbare Merkmale erklären. Wichtiger wäre mir die Frage, welche Probleme die Projekte jeweils verhandeln und welche Haltung darin sichtbar wird. Also nicht: Wie sieht diese Architektur aus? Sondern: Wie arbeitet sie mit dem Vorgefundenen, wie organisiert sie Beziehungen, wie macht sie Unterschiede lesbar, und welches Verständnis von Gegenwart spricht daraus?

Weiterbauen als Haltung
Essay

Die folgenden Arbeiten werden nicht als Abfolge einzelner Projekte gelesen, sondern als Ausdruck einer architektonischen Position: einer Praxis des Weiterbauens, Präzisierens und räumlichen Ordnens.

Diese Arbeiten lassen sich nicht sinnvoll über eine wiedererkennbare Formensprache beschreiben. Ihr Zusammenhang liegt tiefer. Er liegt in einer Praxis, die Architektur nicht als Setzung eines Bildes versteht, sondern als präzise Bearbeitung eines bereits vorhandenen Zusammenhangs. Der Ausgangspunkt ist nicht die autonome Geste, sondern das Vorgefundene: ein Haus, ein Ort, eine Topografie, eine Typologie, eine Gebrauchsspur, eine Konstruktion. Entwerfen erscheint hier weniger als Erfindung denn als Lektüre — als ein genaues Lesen dessen, was da ist, und als die Frage, wie daraus eine neue Gegenwart entstehen kann. Diese Haltung ist in den Umbauten unmittelbar greifbar, reicht aber weit über sie hinaus. Selbst dort, wo neu gebaut wird, wirken die Projekte wie Eingriffe in ein bereits bestehendes Feld von Ordnungen.  
 

Der angemessene Begriff dafür ist Weiterbauen. Er meint hier nicht nur den respektvollen Umgang mit dem Bestand, sondern eine grundsätzliche architektonische Position. Ein Gebäude wird nicht als neutrale Hülle gelesen, die mit einem neuen Ausdruck aufgeladen werden muss, sondern als Träger von Maßstäblichkeit, Atmosphäre, Konstruktion und kultureller Erinnerung. Das gilt für das Siedlungshaus ebenso wie für die Gasthöfe, für das Stadthaus ebenso wie für den Sportcampus. Weiterbauen heißt in diesem Zusammenhang nicht Bewahren im restaurativen Sinn. Es heißt, jene Strukturen freizulegen, zu präzisieren oder fortzuführen, die einem Ort oder einem Haus bereits innewohnen. Architektur beginnt dort, wo diese Strukturen nicht reproduziert, sondern in eine belastbare neue Ordnung überführt werden.  
 

Gerade im Umgang mit Bestand wird sichtbar, wie entschieden diese Haltung ist. Das Siedlungshaus Haus N°9S versteht den Bestand ausdrücklich nicht als bloße bauliche Ressource, sondern als Träger einer räumlichen und kulturellen Kontinuität. Das Vorgefundene wird „nicht überformt, sondern gelesen, präzisiert und in die Gegenwart fortgeschrieben“; der Eingriff zielt nicht auf nostalgische Rekonstruktion, sondern auf die Stärkung einer Identität, die im Lauf der Zeit überlagert wurde. Zugleich wird der Garten nicht als Beiwerk behandelt, sondern als elementarer Teil des Wohnens neu interpretiert. Dass das Projekt seine Qualität „nicht aus dem Kontrast von Alt und Neu, sondern aus deren stiller Verbindung“ entwickelt, ist mehr als eine Einzelbeobachtung. Es benennt den Kern einer Haltung, die Veränderung nicht mit Verdrängung verwechselt.  
 

Ähnlich präzise formulieren die Revitalisierungen der Gasthöfe ein Verhältnis von historischer Lesbarkeit und gegenwärtiger Setzung. Der Gasthof an der Vitusstraße versteht den Bestand als Träger von Atmosphäre, Erinnerung und Maßstäblichkeit; alte Oberflächen werden geöffnet, neue zurückhaltende Schichten rahmen die Spuren, ohne sie museal zu fixieren. Entscheidend ist, dass hier „keine restaurative Rekonstruktion, sondern eine präzise Lesbarkeit von Alt und Neu“ entsteht, „bei dem der Bestand die Bühne behält“. Auch der Gasthof Zum Bahnhof wird als behutsame Rückführung und gleichzeitige Aktualisierung beschrieben: Das „Haus von gestern“ wird an heutige Anforderungen angepasst, ohne seinen historischen Ausdruck zu verlieren. Beides zusammen zeigt, dass Weiterbauen hier weder Nostalgie noch Kontraststrategie meint, sondern eine kontrollierte Form zeitlicher Schichtung.    
 

Dort, wo kein Bestand im engeren Sinn vorhanden ist, verschiebt sich dieselbe Haltung in den Bereich der Typologie. Die Neubauten entstehen auffallend selten aus einem freien Formwillen. Sie suchen ihre Ordnung in räumlichen Dispositionen, in städtebaulichen Beziehungen, in typologischen Figuren. Haus N°8D ist dafür beispielhaft. Der Entwurf folgt „keiner formalen Geste, sondern einer klaren räumlichen Logik: Sockel und Volumen, Offenheit und Rückzug, Kubus und Archetyp“. Zur Straße hin entsteht unter der Auskragung ein Entrée, das Schutzraum und Schwelle zugleich ist; zur Gartenseite öffnet sich die Raumlandschaft fast vollständig, während die Nachbarseite bewusst geschlossen bleibt. Der Grundriss wird nicht durch klassische Raumabfolgen organisiert, sondern durch eingestellte Volumen, Verdichtungen und eine räumliche Fuge in Form der Dachterrasse. Typologie erscheint hier nicht als tradierte Form, sondern als Werkzeug, mit dem räumliche Beziehungen präzise entwickelt werden.  
 

Dasselbe gilt im größeren Maßstab für den Sportcampus Handorf. Auch hier entsteht Architektur nicht aus der Behauptung eines Solitärs, sondern aus einer räumlichen Figur. Zwei Baukörper, ein gemeinsamer Sockel, ein weit gespanntes Dach und dazwischen die Agora: ein überdeckter Zwischenraum, der Vorplatz, Foyer, Treffpunkt und Mitte zugleich ist. Die eigentliche architektonische Qualität liegt nicht in der äußeren Gestalt, sondern in der Organisation der Beziehungen: zwischen Verein und Stadtteil, zwischen Ankunft und Aufenthalt, zwischen Sport und Öffentlichkeit. Das Gebäude „gewinnt seine Qualität aus Übergängen“; seine Mitte ist nicht Halle oder Spielfeld, sondern ein gemeinsamer Ort. Damit verschiebt sich die Frage von der Form des Objekts hin zur Form des Zusammenkommens. Architektur wird hier als soziale und räumliche Choreografie lesbar.  
 

Aus dieser räumlichen Disziplin ergibt sich eine zweite Konstante des Werks: die tektonische Verbindlichkeit seiner Mittel. Material ist in diesen Arbeiten niemals bloße Oberfläche. Es wird nicht eingesetzt, um Stimmung zu illustrieren, sondern um Konstruktion, Ausdruck und Atmosphäre zugleich hervorzubringen. Das Wohnhaus im Wigbold Wolbeck formuliert das exemplarisch: Die Straßenfassade entsteht „nicht aus applizierter Gestaltung, sondern aus der tektonischen Logik des Mauerwerks“. Differenzierungen im Fassadenbild sind konstruktiv begründet, Sichtbetonelemente treten als tektonisch notwendige Ergänzungen auf, und die Wintergärten bilden räumliche Pufferzonen zwischen Straße und Wohnen. Was hier interessiert, ist nicht die expressive Oberfläche, sondern die lesbare Fügung.  
 

Noch deutlicher tritt diese Haltung in Haus N°10 hervor, wo Präzision und Rauheit ausdrücklich gegeneinandergestellt werden. Die feine Tektonik der gerasterten Aluminium-Glas-Fassade steht gegen die grobe Kratzputzoberfläche des Bestands; Sichtbeton, freiliegende Stahlträger, Trapezblech und Aufputzinstallation machen das Gebäude als gebautes Gefüge erfahrbar. Gleichzeitig treten präzise gearbeitete Einbauten und bearbeitete Steinoberflächen als Gegenpol zur konstruktiven Direktheit auf. „Präzision steht gegen Rauheit, Leichtigkeit gegen Masse“, und genau in dieser Spannung gewinnt das Haus seine räumliche Qualität. Das ist keine ästhetische Marotte, sondern eine Haltung: Architektur soll weder in glatter Perfektion verschwinden noch das Rohe romantisieren. Sie soll ihre Gemachtheit zeigen dürfen.  
Vielleicht liegt in dieser kontrollierten Spannung überhaupt ein Schlüssel zum Verständnis des Werks. Immer wieder treffen hier Gegensätze aufeinander, ohne dass sie synthetisch aufgelöst würden: alt und neu, rau und präzise, offen und introvertiert, schwer und leicht, tektonische Strenge und atmosphärische Feinheit. Die Projekte machen diese Gegensätze nicht zum Spektakel, sondern zur stillen Triebkraft ihrer Form. Das ist auch der Grund, weshalb sie trotz ihrer sichtbaren Zurückhaltung eine so deutliche Präsenz besitzen. Haus N°8D wird in der Monografie ausdrücklich als „kein ikonisches Statement, sondern eine kontrollierte Komposition aus Volumen, Fugen und Material“ beschrieben; der Sportcampus lebt „weniger von einem einzelnen spektakulären Moment als von der Konsequenz seiner räumlichen Idee“. Zurückhaltung ist in diesem Werk keine Verlegenheit, sondern eine Form von Disziplin.  

 

Daraus ergibt sich schließlich ein bestimmtes Verständnis architektonischer Gegenwart. Diese Architektur sucht ihre Relevanz nicht in der Neuheit des Bildes, sondern in der Genauigkeit der Beziehungen, die sie herstellt. Sie fragt nicht zuerst, wie ein Gebäude auffällt, sondern wie es lesbar wird; nicht, wie es sich vom Vorgefundenen absetzt, sondern wie es es fortschreibt, ohne darin aufzugehen. Ihre kulturelle Aufgabe liegt damit weder in bloßer Angemessenheit noch in der Behauptung von Autorschaft, sondern in der Herstellung von Dauer: einer Dauer, die Unterschiede sichtbar hält, Übergänge organisiert, Gebrauch ermöglicht und Material ernst nimmt. Die Projekte dieser Monografie sind deshalb nicht einfach einzelne Arbeiten, sondern Variationen einer Haltung. Sie zeigen, dass Architektur dort an Präzision gewinnt, wo sie sich auf das Vorgefundene einlässt, ohne ihm zu verfallen — und dass gerade aus dieser Disziplin eine Form von Ruhe entstehen kann, die nichts Unentschiedenes hat.    

Ausgewählte Arbeiten

Fünf Arbeiten aus unterschiedlichen Projektzusammenhängen zeigen zentrale Themen der Praxis: Weiterbauen, Typologie und Raum, Orte des Gemeinsamen, Im Werden und Weiterdenken. Sie stehen exemplarisch für eine Arbeitsweise, die Architektur aus Ort, Bestand, Konstruktion und Gebrauch entwickelt.

Weiterbauen
Arbeiten, die aus dem Vorgefundenen entwickelt werden und vorhandene Ordnungen nicht ersetzen, sondern lesen, fortschreiben und präzisieren.

Gasthof zum Bahnhof in Telgte 1889 / 2022

Gasthof zum Bahnhof Alt bleibt lesbar – eine stille Transformation 
Telgte, 2022


Restaurierung und Weiterbau eines ehemaligen Gasthofs

Typologie und Raum
Projekte, in denen Typologie, Raumfolge, Gebrauch und konstruktive Klarheit die architektonische Ordnung bestimmen.

Haus N°8 D in Hochheim am Main

HAUS N°8 D Typologie und Kontext – Die räumliche Sequenz eines Hauses
Hochheim am Main, 2022 
Neubau eines Wohnhauses mit Atelier

Orte des Gemeinsamen
Arbeiten, die sich aus gemeinschaftlicher Nutzung, Öffentlichkeit und räumlicher Mitte entwickeln.

Sportcampus TSV Handorf in Münster

Sportcampus TSV Handorf Die gebaute Mitte als Form der Begegnung


Münster, 2022


Neubau eines Hauses der Begegnung zwischen Sport und Öffentlichkeit.

Im Werden
Aktuelle Projekte und Arbeiten im Bau.

Wersewerk in Münster

Wersewerk Zwischen Natur und neuer Zeit. Raum in Holz und Schwarz 
Münster, seit 2024

Aktuelles Projekt im Werden.

Weiterdenken
Studien und Entwürfe, in denen zentrale Fragen der Arbeit im offenen Entwurfsraum weitergeführt werden.

Preußenstadion an der Hammer Straße in Münster

Preußenstadion an der Hammer Straße Ein Brennglas der Atmosphäre 
Münster, Studie von 2023


Studie zur Erweiterung des bestehenden Stadions

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